Aufgedeckt: Cottbus war Rückzugsort für Rote Armee Fraktion

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 30 Jahren -

Aufregungen gab es im Frühsommer 1990 in Cottbus jede Menge. Hauptthema der öffentlichen Diskussionen und Quelle großer Unruhe war die bevorstehende Wirtschafts- und Währungsunion beider deutscher Staaten. Die Freude auf das Westgeld wurde allerdings durch die sprunghaft ansteigenden Arbeitslosenzahlen getrübt. Noch ahnten nur Wenige, dass bald große Cottbuser Betriebe geschlossen würden.

In diese aufgeregte Stimmung platzte Anfang Juni, vor 30 Jahren, die Nachricht, dass die in Westdeutschland als Terroristin gesuchte Susanne Albrecht von 1980 bis 1985 unter dem Namen Ingrid Jäger in Cottbus gelebt und gearbeitet hatte. Am 12. Juni 1990 erfuhren die Einwohner der Noch-Bezirksstadt aus der Lausitzer Rundschau: »Die steckbrieflich gesuchte führende RAF-Terroristin Susanne Albrecht ist in der DDR verhaftet worden… Sie habe ab 1980 als technische Assistentin an der Ingenieurhochschule Cottbus gearbeitet, dort den Diplomphysiker Claus Becker kennengelernt und ihn 1983 geheiratet.« Rektor Bernd Wagenbreth bestätigte dann auch dem Pulk der angereisten Journalisten, »dass ab 9.10.1980 eine Ingrid Jäger als technische Assistentin für wissenschaftlich-organisatorische Aufgaben tätig war.« Am nächsten Tag sahen die Cottbuser dann in ihrer Tageszeitung ein Foto des Wohnhauses in der Sachsendorfer Heinrich-Mann-Straße, in dem Susanne Albrecht gewohnt hatte. Die RAF-Frau zog später nach Köthen, wurde dort allerdings nach einem Fernsehbericht enttarnt und zur Sicherheit mit ihrem ahnungslosen Ehemann im sowjetischen Kernforschungszentrum Dubna untergebracht. Aber nun, im Sommer 1990, nach der politischen Wende, wurden sie und weitere »Top-Terroristen« in der DDR verhaftet. Jetzt war offensichtlich: Die Staatssicherheit hatte den »Kämpfern« der Roten Armee Fraktion Unterschlupf gewährt.

Das Jahr 1977

Susanne Albrecht gehörte zur sogenannten zweiten Generation der RAF. Die Angehörigen dieser Gruppierung verstanden sich als »antiimperialistische Stadtguerilla«. Ausgangspunkt war die Radikalisierung einzelner Teilnehmer der Studentenbewegung Ende der Sechziger. Im »bewaffneten Kampf als höchster Form des Marxismus-Leninismus«, ganz im Sinne Maos, sollte das kapitalistische System überwunden werden. Höhepunkt dieses »bewaffneten Kampfes« war die »Offensive 77«. Mit einer Serie blutiger Gewalttaten sollte das System erschüttert werden. Mit der Schleyer-Entführung und der Todesnacht von Stammheim, der Freitod-Serie der ersten RAF-Generation, spitzte sich die Lage zu.

An den Mordanschlägen gegen Generalbundesanwalt Siegfried Buback, gegen den Bankier Jürgen Ponto und später an dem missglückten Attentat auf Nato-Oberbefehlshaber Alexander Haig war Susanne Albrecht unmittelbar beteiligt. Bei dem Ponto-Mord spielte sie eine besondere Rolle. Die RAF-Aktivistin war mit der Familie des Bankiers bekannt; ihre Schwester war Pontos Patentochter. So gelang es ihr problemlos, gemeinsam mit Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar am 30. Juli in die Wohnung des Bankers zu kommen. Er sollte entführt werden, um die inhaftierten RAF-Häftlinge aus dem Gefängnis freizupressen. Bei einem Handgemenge wurde Ponto jedoch erschossen.

Zwielichtige Haltung der DDR-Führung

Das Neue Deutschland berichtete über das Attentat 1977 so: »Auf den Vorstandssprecher der BRD-Monopolbank Dresdner Bank, Jürgen Ponto, ist am Sonnabend in seinem Haus in Oberursel im Taunus ein Schusswaffenattentat verübt worden. Der Bankier erlag wenig später seinen Verletzungen. Bei den Attentätern handele es sich um zwei Frauen und einen Mann im Alter von 25 bis 30 Jahren.« Offiziell hielt man sich bei der Bewertung des Terrorismus in der BRD zurück. Die Bezeichnung Rote Armee Fraktion wurde nicht verwendet. Es galt die Definition: »Der individuelle Terror ist eine dem Marxismus fremde und jeder fortschrittlichen revolutionären Zielsetzung schädliche Taktik, durch Mordanschläge und ähnliche terroristische Mittel in anarchistischer Weise politische Ziele zu verfolgen.« Intern gab es schon mal Äußerungen von Schadenfreude, wenn die RAF wieder einmal zugeschlagen hatte. Dass die Kooperation mit den DDR-Sicherheitskräften jedoch bis zur Schaffung von Rückzugsräumen ging, überraschte dann auch gläubige DDR-Bürger. Die Annahme, dass in Cottbus weitere Terroristen Unterschlupf gefunden hatten, bestätigte sich nicht.

Susanne Albrecht erhielt eine 12-jährige Freiheitsstrafe, die 1996 zur Bewährung ausgesetzt wurde. Bis zu ihrem Ruhestand unterrichtete sie bei einem freien Träger in Bremen Flüchtlingskinder.

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