Cottbuser Lateinschule wird Gymnasium – Das 1. Jahrhundert

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 200 Jahren -

 Ungefähr dort, wo heute auf dem Oberkirchplatz die Plastik des Australienforschers Ludwig Leichhardt steht, befand sich das alte Cottbuser Gymnasium. Schon seit dem 14. Jahrhundert ist die Existenz einer Lateinschule in Cottbus nachgewiesen. Mehrmals abgebrannt, erfolgte hier 1715 die Einweihung eines neuen Schulgebäudes, »eines zweigeschossigen Ziegelfachwerkbaus mit Walmdach und massiver verputzter Fassade«.

Als Gymnasium bezeichnet man jene Schulen, die ihre Zöglinge auf ein Universitätsstudium vorbereiten. Wilhelm von Humboldt regte Anfang des 19. Jahrhunderts für die höheren Schulen die einheitliche Bezeichnung Gymnasium und die Vereinheitlichung des Bildungsniveaus im Sinne des Neuhumanismus an. Meyers Lexikon von 1875 dazu: »Die Verbesserung des höheren Schulwesens datiert von 1810. Alle preußischen Gymnasien sind der Aufsicht der Geistlichkeit entzogen und als königliche oder Landesgymnasien unter die Aufsicht des Kultusministeriums gestellt.« Da Cottbus erst nach dem Wiener Kongress 1815 wieder zu Preußen kam, verzögerte sich hier dieser Prozess. Aber 1820 war es auch in unserer Stadt soweit. Für den 20. März lud der »Königl. Superintendent und Compatronats-Commissarius Bolzenthal« zur »Inauguration des Gymnasii« ein.
Mit der Erhebung des früheren Lyzeums zum Gymnasium war die Amtseinführung des Direktors Reuscher verbunden. Zuvor hatte es eine Schulvisitation gegeben, in deren Ergebnis festgelegt wurde: »Das Lyzeum in Cottbus wird in ein Gymnasium verwandelt, tritt forthin als eigentliche gelehrte Schule auf und (ist) in Besitz der Rechte solcher Lehranstalten.« Drei Monate später erhielt die Schule durch »Kgl. Kabinettsordre« den Namen Friedrich-Wilhelms-Gymnasium.

Der Neubau in der Promenade

Das Cottbuser Gymnasium litt von seiner Gründung an unter den beengten räumlichen Verhältnissen. Zwischen 1865 und 1867 entstand dann nach Plänen des Architekten Adolf Lohse der Prachtbau in der Promenade (heute Puschkinpromenade), dem wohl schönsten Schulhaus unserer Stadt. Es gilt als »qualitätsvolles Beispiel für die Architektur der Schinkelnachfolge in der Region«. Mit der Lösung der Raumprobleme waren jedoch nicht die inhaltlichen Schwächen des klassischen Gymnasiums behoben. Die Stundentafel sah ein starkes Übergewicht der Fremdsprachen vor, darunter besonders der alten Sprachen.
In der Secunda und der Prima (höchste Klassenstufen) gab es neun Wochenstunden Latein. Auf technische und naturwissenschaftliche Studienrichtungen bereitete diese Schulbildung wenig vor. Der Chemiker und spätere Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald beklagte diesen Zustand: »Wenn ich schlechte Träume habe, so finde ich mich meist in der Schule, sei es als Schüler, sei es als Lehrer, in beiden Fällen bin ich der leidende Teil.«
Als Ausweg aus diesem Dilemma entstand auch in Cottbus eine Oberrealschule, die ebenfalls zum Abitur führte. Das erworbene Reifezeugnis berechtigte jedoch nur zum Studium der naturwissenschaftlichen und technischen Fächer.

Die verschobene Jahrhundertfeier

Zum Jahrestag der Schulgründung 1920 planten die Cottbuser eine große Jahrhundertfeier und eine Festschrift. Auf dem Programm standen für aktuelle sowie ehemalige Schüler und Lehrer ein Gedächtnisgottesdienst und ein »Beisammensein in der Loge« (dem Sitz der Freimaurer in der Lausitzer Straße, heute Wilhelm-Külz-Straße). Der Kapp-Putsch machte den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung. Nach dem Massaker am Spremberger Turm und den nachfolgenden Kämpfen der Reichswehr gegen die »Rote Armee« musste das Gymnasium die Jubelfeier verschieben.

Ende April meldete der Cottbuser Anzeiger: »Mit einer durch die Zeitumstände verursachten fünfwöchigen Verspätung begeht am heutigen Sonnabend unser staatl. Friedrich-Wilhelms-
Gymnasium die Feier seines hundertjährigen Bestehens als Gymnasium. Ernst und würdig, wie es nicht nur der Sache, sondern vor allen Dingen der schweren Zeit, die unser liebes Vaterland durchleben muss, entspricht.« Im Stadttheater am Schillerplatz brachten die Zöglinge der Lehranstalt Sophokles »Antigone« auf die Bühne. In der  Rolle des Kreon weist der Programmzettel den 16-jährigen Joachim Gottschalk aus. Im Jahre 1920 Obersekundaner, Ende der Dreißigerjahre ein gefeierter UFA-Star und mit einer Jüdin verheiratet, wurde Gottschalk 21 Jahre später mit seiner Familie von den Nazis in den Freitod getrieben.
Vom Schicksal der Primaner in den Weltkriegen, von Luftwaffenhelfern und den Nachfolgern des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums berichten wir in der nächsten Woche.

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