Der Krieg kommt näher – Cottbus vor dem Luftangriff

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 75 Jahren -

 Über das Leben in Cottbus während der letzten Kriegswochen gibt es nur wenige Zeugnisse. Verwaltungsdokumente wurden vernichtet. Der Cottbuser Anzeiger brachte nur noch Durchhalteparolen. Aber soviel scheint sicher: Die Nazi-Wehrmacht hatte in den zurückliegenden Jahren in einem beispiellosen Siegeszug fast ganz Europa unterjocht. Auch die übergroße Mehrheit der Cottbuser hatte in dieser Zeit Hitler hemmungslos ihr Heil »entgegengeröhrt« (Brecht). Sie hatten weggesehen, als sozialdemokratische Stadträte verhaftet und jüdische Mitbürger deportiert wurden. Vor Moskau stoppte die Rote Armee diesen Triumphzug des Bösen. Im Februar 1945, vor 75 Jahren, bereiteten sich die sowjetischen Einheiten an der Oder auf die Eroberung der Reichshauptstadt vor. Und mancher Cottbuser ahnte nun, dass nach den beispiellosen deutschen Verbrechen in Auschwitz, Baby Jar oder Leningrad das Feuer des Krieges nach Deutschland zurückkehrte und dass auch sie und ihre Stadt nicht ungeschoren davon kämen.

Was wird aus uns werden?

Die Fotografin Martha L. aus der Neustädter Straße schrieb im Januar in ihr Tagebuch: »Die Panzerspitzen der Russen sind vor Breslau. Wir haben sehr viele Flüchtlinge in der Stadt.« Und einen Tag später: »In Breslau wird bereits gekämpft, unsere schöne Heimat ist Kampfplatz geworden und wir können nicht glauben, dass die Front immer mehr ins Reich rückt.«
Die Cottbuser spürten dieses Näherrücken der Front nicht nur an den Flüchtlingen, deren Trecks die Stadt durchzogen. In den Heeresberichten, die der Cottbuser Anzeiger veröffentlichte, tauchten jetzt Ortschaften auf, die schon zur engeren Heimat gehörten. Am 5. Februar erreicht die Rote Armee den Stadtrand von Frankfurt/Oder. Wenige Tage später liest man von Grünberg (Zielona Gora) und Sommerfeld (Lubsko). Jetzt ist es nach Forst und Guben nur noch ein Katzensprung. »Was wird nun aus uns werden, die Gegend voller Flüchtlinge, keiner weiß wohin ...«, liest man in Martha L.s Tagebuch.
Der Cottbuser Anzeiger wiederholt im Januar 1945 mehrmals: »›Öffentliche Luftwarnung‹ ist ein kleiner Alarm und wird angekündigt durch einen dreimal sich wiederholenden Dauerton. ›Fliegeralarm‹ dagegen wird durch einen auf- und abschwellenden Heulton angezeigt. Während ›Öffentliche Luftwarnung‹ eine geringe Anzahl von Flugzeugen ankündigt, meldet der ›Fliegeralarm‹ einen größeren Einflug.« Nach dem ersten Luftangriff im April 1944 schickten die Sirenen die Cottbuser nun immer öfter in die Keller. Die Furcht vor einem großen Luftangriff der Alliierten war durchaus berechtigt. Im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht war mehrfach auf die große Bedeutung des Cottbuser Bahnhofs für die Kriegswirtschaft hingewiesen worden. Und die kata-
strophalen Folgen der Bombardements auf Hamburg im Juli 1943, auf Halle im Juli 1944, auf Magdeburg im Januar 1945 und die Höllennächte in Berlin waren den Cottbusern bekannt, wenn sie auch in der offiziellen Berichterstattung kaum eine Rolle spielten. Allerdings wuchs wohl die Zahl derjenigen, die heimlich Radio London hörten. Dort wurden auch die Ziele der Terrorangriffe kurz zuvor auf Deutsch bekanntgegeben.

Trecks, Bunker und Mauerdurchbrüche

Den durch die Stadt ziehenden Trecks konnte kaum noch geholfen werden. Oberbürgermeister Baselli forderte die Einwohner auf, die Durchzugsstraßen von Schnee zu beräumen. »Insbesondere werden die hier durchkommenden Trecks, die schon weite Strecken hinter sich haben, in ihrem Fortkommen durch die zu beiden Seiten der Fahrtrichtungen sich bildenden Schneemassen stark behindert.« Das OKW-Kriegstagebuch dazu: »Bei den Treckbewegungen erschütternde Bilder und fehlende Organisation«. Einige Familien wurden in der Stadt oder den umliegenden Dörfern notdürftig untergebracht. Ein drängendes Problem waren Kinder, die auf der Flucht die Eltern verloren hatten. Für sie richtete die Stadtverwaltung eine Betreuungsstelle in einer Cottbuser Schule ein. Der Cottbuser Anzeiger erinnerte ständig an die Verdunkelungspflicht. »Schutztunnel« gab es bei den Schulen in der heutigen Puschkinpromenade. Ein unterirdischer Gang am Berliner Platz und der Keller des Rathauses standen zur Verfügung. Den Meisten blieb nur der Keller des Wohnhauses als nächtlicher Aufenthaltsort. Dort wurden Mauerdurchbrüche geschaffen. Sie sollten Eingeschlossenen ermöglichen, sich nach dem Einsturz des eigenen Hauses zu nicht zerstörten Nachbarhäusern durchzuschlagen. Diese Fluchtmöglichkeit sollte für manchen Cottbuser schon bald die letzte Rettung sein.

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.