Hitze, Klima und italienisches Eis von Pelegrinis "Nordpol"

Die WochenKurier-Kolumne von Dr. Peter Lewandrowski

Cottbuser Geschichten. - Vor 90 Jahren -

Ende Juni gab es in der Nie­derlausitz eine „Hitzewelle“ und die dazu gehörigen „Brennpunkte“ und Tempera­turrekordmeldungen. Ja, es war verdammt heiß in diesen Tagen. Aber es ist eben Sommer und ein Blick in die Stadtgeschichte zeigt, dass es solche Temperaturen auch schon früher gab. „Anno 1493 desgleichen 1617 wurden Menschen und Vieh, bey der damahligen ungemein trockenen Zeit, mit solcher unerträglichen Som­mer Hitze gequälet, daß sie fast hätten verschmachten mögen, die Früchte auf dem Felde konnten zu keinem Wachst­hum kommen, und alle Sommer Saat … ging gäntzlich verloren, worauf nothwendig eine große Theuerung und auch allerhand schwere und höchst ge­fährliche Krankheiten haben erfolgen müßen.“ Das erzählte der Cottbuser Stadtphysikus Johann Friedrich Beuch aus der Vergangenheit der Stadt.

Für spätere Jahre haben wir exakte Angaben. Mit -37° war es 1929 in Cottbus bitterkalt. Wir berichteten darüber. Rekordtemperaturen verkündete die Lausitzer Rundschau im Juli 1959. Die Quecksilbersäule kletterte auf 37°. „Extrem heiß“ meldete das gleiche Blatt auch vom Sommer 1992. Diesmal wur­den 38° gemessen.

Was machten die Cottbuser eigentlich früher, wenn es heiß wurde? Sie tummelten sich zu Tausenden an den Badeseen. Diese betreute der Wasserrettungsdienst und am Kiosk gab es für 20 Pfennig eine rote Brause. Richtig voll war es auch im Schwimmstadion in der Sielo­wer Landstraße (mit 10-Meter-Sprung­turm) und im Strombad. Natürlich ging man im Sommer auch Eis essen. Das war noch nicht so bunt verpackt, aber dafür billiger.

Pellegrinis Eis vom Nordpol

Ein Gastronom, der aus sommerlichen Temperaturen in Cottbus ein Geschäft machte, war vor 90 Jahren der itali­enische Eiskonditor Felix Pellegrini. Dieser eröffnete im Frühsommer 1929, vor 90 Jahren, in der Burgstraße 53 das Eiscafé Nordpol. Das kleine Restaurant war bald ein beliebter Treffpunkt der Cottbuser Schuljugend mit Kultstatus. Der Italiener bot „8 Sorten feinstes Speiseeis“, „hergestellt aus reinen Na­turprodukten“, also Bio, „in Portionen von 10 Pfg. an.“ Er hatte sich zuvor in Wien und Berlin versucht und lebte mit seiner ganzen Familie in Cottbus. Das Eis im Nordpol muss wirklich gut gewesen sein, denn nicht alle Cottbu­ser Cafés überstanden die Weltwirt­schaftskrise so gut. Sein Sohn Arture, der das Geschäft vom Vater übernahm, verließ Cottbus im Krieg. Er kehrte aber später zurück und eröffnete die Eiskon­ditorei erneut. Der Name Nordpol blieb auch erhalten, als längst der staatliche Handel das Café übernommen hatte.

Obwohl Hitzefrei ein Zauberwort war, fallen den älteren Cottbusern die weni­ger angenehmen Seiten von Hitzeperi­oden ein. Die Straßen bereiteten schon damals Sorgen. Und wenn der Flüssigkeitsverbrauch anwuchs, kämpften zur DDR-Zeit das Getränkekombinat und VEB Melde regelmäßig am Limit. Nicht selten riss die Versorgung mit alkoholfreien Getränken ab. Sogar bei Bier gab es dann Engpässe. Aber, so der Bericht des Cottbuser Rates der Stadt zur Versorgung der Bevölkerung im Sommer 1989: „Mit gelber und weißer Spirituosenware wird entsprechend des Angebots des Großhandels ver­sorgt.“ Das machte aber bei 38° nicht unbedingt glücklich.

Beim Klimawandel Rechtgläubige und Ketzer?

Die Hitzewelle befeuerte die Dis­kussion um den Klimawandel. Wir wissen seit Jahrhunderten, dass sich das Klima wandelt. Auch die Tatsache, dass sich die Zahl der auf dieser Welt lebenden Menschen und ihre Erwerbs­tätigkeit auf das Klima auswirken, ist unbestritten. Dass wir deshalb unsere Produktions- und Lebensweise ändern müssen, wird von ernstzunehmenden Wissenschaftlern und Politikern eben­falls nicht bezweifelt. Unterschiedliche Sichten gibt es bei der Strategie. Sollen alle Kräfte gegen den CO2-Ausstoß mobilisiert werden oder wäre es sinnvoll, auch wissenschaftliche und wirtschaftliche Potenzen zu nutzen, um die Menschheit auf den Klimawan­del einzustellen?

Hier gilt es, sachlich zu argumentieren. Panik und Hektik helfen nicht, schon gar nicht eine Einteilung der Bevölkerung in Rechtgläubige und Ketzer. Gerade in der Lau­sitz müssen die berechtigten Anliegen der Gewerkschaf­ten Gehör finden. Vor dem Abbau von Arbeitsplätzen in der Kohle sollten die neuen Industrien nicht nur in Form von vagen Versprechungen vorhanden sein. Davon gab es hier, besonders vor Wahlen, schon zu viele. Dass auf einmal Institute, Fakultäten, ja, ganze Ministerien in die Stadt kom­men sollen, lässt die Cottbuser auch deshalb staunen, weil vor Kurzem noch die Kreisfreiheit in Frage gestellt wurde.

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