Rainer Könen

Der lange Weg zurück ins Leben

Kamenz. Der Kamenzer Enrico Wenzel will auf einer Radtour durch Deutschland Geld für die Stiftung Schlaganfall-Hilfe sammeln.

 120 Kilometer am Tag. Mindestens zehn Stunden in die Pedale treten. Bei jedem Wetter. 49 Tage lang, unterwegs durch ganz Deutschland. Wer einmal eine längere Radtour gemacht hat, weiß, dass so ein Trip einen an die eigenen Grenzen bringen kann.  Mental, vor allem aber körperlich. Rund 2.600 Kilometer zu radeln, wer das vorhat, sollte schon ziemlich fit sein.

Nun, der Kamenzer Enrico Wenzel hat sich eine solche Tour vorgenommen. Dabei hat der 40-Jährige ein großes Handicap: Seit einem Schlaganfall vor knapp drei Jahren ist er halbseitig gelähmt. Bis zum vergangenen November war er noch auf den Rollstuhl angewiesen. Mit zahlreichen Therapien und vor allem mit einem immensen Willen schaffte er es zuletzt aus dem Rollstuhl, bewegt sich nun mit einem Gehstock voran. Was, wenn man ihn in diesen Tagen trifft, mitunter noch ein wenig mühsam ausschaut.

Und da will er durch Deutschland radeln? »Aber klar doch«, so der Kamenzer. Mit seinem Dreirad will er das schaffen. Wenzel erzählt stolz davon, dass er im vergangenen Herbst mit den Vorbereitungen für diese Tour begonnen hat. »Ich trainiere täglich.« Wenn das Wetter nicht mitspielt, sitzt er daheim auf dem Ergometer, kurbelt bis zu 40 Kilometer runter. Seitdem er den schweren Schlaganfall mit linksseitiger Lähmung erlitt, hat er einen völlig anderen Blick auf das Leben, auf seines, auf das der anderen. Sein Leben, das war vor dem Schlaganfall das eines Familienvaters (er hat zwei Kinder), der regelmäßig Fußball spielte und einen Job als Industriemechaniker hatte. 2001 ging es mit der Familie nach Stuttgart, dort lebten sie zehn Jahre, dann zog es sie wieder in die Heimat zurück, zuletzt arbeitete er als Industriemanager.

Seit seinem Schlaganfall ist seine Welt eine, mit der er gerade in der ersten Zeit, als er in der Reha war, oft haderte. Wenzel ist nun Frührentner, geschieden. Für den gebürtigen Räckelwitzer galt es, den inneren Motor neu einzustellen, auch weil er wissen will, wo seine Grenzen mit seiner Behinderung liegen. Zu Beginn der Pandemie im vergangenen Jahr kam er auf die Idee,  eine Radtour durch Deutschland zu unternehmen, um Spenden für die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe zu sammeln.

In sieben Wochen durch Deutschland

Am 1. Mai 2021 soll es in Kamenz losgehen. Er sucht noch Sponsoren, hofft auf ein Unternehmen, das der Schlaganfall-Stiftung für jeden von ihm gefahrenen Kilometer einen Euro spendet.

Besonders wichtig ist für ihn auch: »Ich möchte, dass meine Kinder auf mich stolz sind, will ihnen zeigen, dass ihr Vater auch anderen kranken Menschen helfen kann.« Das ist seine Antriebskraft, daraus schöpft er seinen Optimismus.

Irgendwie ist er froh, dass er in seinem Leben immer so viel Sport getrieben hatte, weil der mehr trainiert als nur den Körper. Ja, der Sport habe natürlich auch seinen Willen geschult, steht für Enrico Wenzel fest. Und letztlich lässt sich das Leben ja auch als Ziel, und gerade in seiner Lage, als ein Wettkampf begreifen. Einen, den man nicht so einfach aufgibt.

Er freut sich auf diese Tour, um Menschen, die wie er ein solches Schicksal erlitten, zu motivieren, ihren Lebenswillen anzustacheln. Ihnen zu zeigen, dass man sich den Weg in das neue, in das andere Leben zurückkämpfen muss.

Wer möchte, könne ihn auf dieser Tour gerne begleiten, erklärt Enrico Wenzel, der, dessen ist er sicher, »jeden Kilometer dieser Reise genießen« wird. Voraussichtlich am 18. Juni will er wieder zurück in seiner Heimatstadt sein. Vielleicht wird es später auch ein Buch geben, über seine ungewöhnliche Deutschland-Tour mit dem Dreirad.

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