Silke Richter/mlh

Nie wieder darüber schweigen

Hoyerswerda. Eine neue Ausstellung im Schloss Hoyerswerda setzt sich mit dem Schicksal von Euthanasie-Opfern der NS-Zeit auseinander.

Marie Stephan war ein fröhliches Kind, das 1906 im schlesischen Bad Kudowa geboren wurde. 20 Jahre später zog es die junge Frau nach Dresden. Sie erwartete ihr erstes Kind und heiratete.

Maries Eltern lehnten die Beziehung vehement ab und verstießen ihre Tochter, weil sie der Meinung waren, dass sie eine Ketzerin sei, weil sie einem Protestanten ihre Liebe schenkte. Für die junge Ehefrau begann eine sehr harte Zeit. Es war der Anfang von ihrem Ende.

Die schwierigen Lebenssituationen hinterließen ihre Spuren. Marie Stephan litt zunehmend an Angststörungen. Wegen vermeintlicher Schizophrenie folgte sie dem ärztlichen Rat sich sterilisieren zu lassen. Als sich keine Besserung ihres psychischen Gesundheitszustandes einstellte, wurde sie in einer geschlossenen Anstalt mit Reizströmen behandelt und später einer Cardiazol-Krampfbehandlung unterzogen, bei der bewusst epileptische Anfälle mit heftigen Nebenwirkungen ausgelöst werden.

Dass sie in ihrer Beziehung von Anfang an keine Unterstützung und keinen Beistand von ihrer Familie und ihrem kühlen und rauen Ehemann erhielt, interessierte die Ärzte bei der Diagnostik nicht. Am 27. November 1940 wurde Marie Stephan in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein »verlegt«, in der sie noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet wurde.

Ihre Familie erhielt den Bescheid, dass sie an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung gestorben sei. Die Akte wurde gefälscht und kam unter Verschluss. Marie Stephan wurde Opfer der nationalsozialistischen Krankenmord-»Organisation T4«. Eine getarnte Organisation, die in der NS-Zeit Euthanasie-Morde im Auftrag der Kanzlei des Führers Adolf Hitler durchführte.

Systematisch wurden unter diesem Deckmantel mehr als 70.000 Menschen mit psychiatrischen Krankheiten und Menschen mit Behinderungen ermordet. Davon fielen mehr als 2.500 Menschen aus Schlesien zwischen 1940 und 1945 den nationalsozialistischen Krankenmorden zum Opfer, weil sie als lebensunwert galten.

Allein in der Gaskammer der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein starben mehr als 1.500 schlesische Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die »stummen« Verbrechen für viele Jahrzehnte weitgehend vergessen. Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein hat sich vor 20 Jahren gegründet und möchte durch Recherchearbeit, Expositionen, Präsentationen und Öffentlichkeitsarbeit das Schweigen durchbrechen. »Wir möchten vor allem der jüngeren Generation die Dimensionen dieser an der Menschlichkeit vollzogenen  Verbrechen verdeutlichen und aufzeigen«, erklärte Gedenkstättenleiter Dr. Boris Böhm.

Auf 21 Tafeln werden die Biografien von Marie Stephan und anderen Opfern in deutscher und polnischer Sprache vorgestellt. Es sind Worte und Bilder der Mahnung, des Erinnerns und des Gedenkens. Die Exposition ist bis zum 15. November im Schloss Hoyerswerda zu sehen.

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