as

Ungeheuerliche Geschäftsgebaren

Dresden. Nicht dem Ärger hinterher rennen, sondern dafür sorgen, dass es gar nicht erst so weit kommt. Der neue Chef der Verbraucherschützer in Sachsen Andreas Eichhorst holt deshalb Politik und Bürger(probleme) auf Augenhöhe und das zuweilen sehr kreativ – beim glutenfreien Brötchenkauf, einer komplizierten Busfahrt übers Land oder eben der Pokemonparty.

Sachsen. In der griechischen Mythologie gibt es ein Wesen namens Hydra. Schlägt man diesem Ungeheuer einen Kopf ab, wachsen an jener Stelle zwei neue nach. Dieses Bild verdeutlicht wahrscheinlich am ehesten den Alltag der Verbraucherschützer im 21. Jahrhundert. Problem geklärt, zwei neue da.

Kein Platz für Moral

Es ist ein Kampf an vielen Schauplätzen, mit hoher Kraftanstrengung und ohne Ende. Es geht fast immer um Geld. Von Moral mag keiner sprechen, wenn man hört, dass eine Dresdner Firma Senioren Wunderpillen  am Telefon andreht, Erfolge verspricht, die medizinisch unmöglich sind und dafür reichlich Geld vom Konto abgebucht. Geschäftsmodelle, deren einziger Sinn es ist, die Kundschaft über den Tisch zu ziehen regen Eichhorst auf. „Ich bin nicht gegen Marktwirtschaft, im Gegenteil. Geschäfte müssen aber transparent sein“, sagt er. Im konkreten Fall gab es den Negativpreis „Prellbock“ und eine Klage hinterher.

Tricksereien

Meistens ist die Masche subtiler, wie bei hotelreservierung.de, einer Tochter des Leipziger Internetgiganten „Unister“. Dort sah der Zimmerpreis für eine Familie mit Kind  (frei) nur gut aus, weil er pro Person angegeben und vorher durch drei geteilt wurde. Das Oberlandesgericht Dresden hielt die Preisberechnung für unzulässig. Derzeit laufen keine Verfahren gegen die Unister-Gruppe. „Mit dem Insolvenzverwalter sind die Geschäftsgebaren  seriöser geworden“, sagt Michael Hummel, Referatsleiter Recht bei der Verbraucherzentrale.

Neue Geschäftsfelder

In Zeiten der Nullzinspolitik sind aber auch die Finanzdienstleister äußerst kreativ, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Das bekamen das u.a. die Kunden der Sparkasse Leipzig zu spüren, die sich ungefragt in einem Cash-Back-Programm wiederfanden, weil sie nicht widersprochen hatten. Für die Verbraucherzentrale Sachsen ein Grund, um die erste datenschutzrechtliche Klage in ihrer Geschichte anzugehen. Auch die CreditPlus Bank aus Stuttgart bekam Ärger mit den Sächsischen Verbraucherschützern. Über den Finanzdienstleister werden beispielsweise Ratenkäufe in hiesigen Elektromärkten abgewickelt. Als die Kunden für den jährlichen Kontoauszug 8,50 Euro und 9,50 Euro für die Ablösemitteilung blechen sollten, klagte die VZS vor dem Landgericht Stuttgart und gewann. 

Abgasskandal

Dieses Jahr will sich die Verbraucherzentrale insbesondere den Bankentgelten widmen. Die Pflicht zur Elementarschadensversicherung und die Schieflage auf dem Fernwärmemarkt sind weitere Themen auf der VZS-Agenda. Mit Blick auf den VW-Abgasskandal macht sich Eichenhorn Hoffnung auf ein Instrument, das es in anderen Ländern längst gibt – die Marktfeststellungsklage. Kommen die gesetzlich notwendigen Änderungen, könnte die Verbraucherzentrale für alle Betroffenen eine Entschädigung aushandeln.  „Das würde unsere Arbeit um einiges erleichtern, auch in anderen Fällen“, sagt Eichhorst. Nicht jeder habe schließlich das Geld und die Nerven gegen einen Weltkonzern vorzugehen. Apropos: Das Vorgehen des neuen Verbraucherchefs ist manchmal ziemlich unkonventionell. Er lädt schon Mal Politiker auf eine Fahrt durchs Vogtland oder zum Testkauf von glutenfreien Brötchen ein. Bei Pokemonpartys in Leipzig und Dresden wurde auf die Löcher im Datenschutz aufmerksam gemacht. Die Geschichte mit der bösen Schlange ging jedenfalls nicht gut aus. Der Legende nach war das Monster unsterblich.                                        

Das Verbraucher(schutz)jahr in Zahlen

Über 27.500 Ratsuchende hat die Verbraucherzentrale Sachsen im Jahr2016 in den Bereichen Recht, Finanzen und Versicherungen, Digitales sowie Energie und Ernährung beraten. Am meisten gefragt waren die sächsischen Verbraucherschützer dabei bei rechtlichen Problemen. Rund 45 Prozent der Anfragen waren Rechtsberatungen und -besorgungen rund um Online-Abofallen, Probleme mit dem Telefon- oder Internetanbieter und der Abrechnung, Urlaubsärger bei Pauschalreisen, unseriöse Partnervermittlungen, Handwerkerleistungen und Co.. Am zweitstärkstennachgefragt waren Beratungen aus dem Bereich Energie. Knapp 14 Prozent der Anliegen drehten sich um Energieeinsparpotenziale in den eigenen vier Wänden, den Anbieterwechsel oder auch um Vertrags- oder Abrechnungsprobleme mit Energieanbietern. Den dritten und vierten Platzbelegen Beratungen im Bereich Versicherungen und Finanzen. Hier wurden speziell Geld- und Kreditberatungen mit rund 8,5 Prozent sowie Versicherungsberatungen mit rund 7 Prozent nachgefragt.

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.