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„Die Lage ist weiter ernst zu nehmen“

Zittau. Wie ist die Situation an den Krankenhäusern im Landkreis Görlitz? Wir haben bei der Managementgesellschaft Gesundheitszentrum des Landkreises Görlitz (MGLG) nachgefragt, die für die Krankenhäuser in Weißwasser, Zittau und Ebersbach zuständig ist.

Wie ist die Lage aktuell an den Krankenhäusern? Steigt die Zahl der Neuaufnahmen? Wie ist die Situation auf den Normal- und den Intensivstationen?

Dr. Jana-Cordelia Petzold von der MGLG: Die Zahl der Neuaufnahmen ist etwas geringer und über die letzten Wochen auch auf einem stabilen Niveau. Aktuell liegen diese an beiden Standorten des Klinikums Oberlausitzer Bergland bei um die 40 Personen. Die Intensivstationen sind nicht vollständig von Covid-Patienten gefüllt, aber konstant mit etwa der Hälfte ihrer Auslastungen. Die Lage ist durchaus weiter ernst zu nehmen, und die an Covid erkrankten Patienten werden durchschnittlich jünger. Aus unserer Sicht ist eine etwas laxere Einstellung problematisch: Die Krise ist noch nicht vorbei, nur, weil draußen die Sonne scheint und die Menschen motivierter sind.

Viele alte Menschen sind geimpft. Trotzdem sind die Inzidenzen und auch die Auslastung der Krankenhäuser seit Wochen hoch. Welche Rolle spielen die Mutationen des Virus dabei? Haben sich Hospitalisierungsrate und Intensivquote dadurch verändert?

Ja, das ist korrekt – viele ältere Menschen sind inzwischen durchgeimpft. Wir merken das auch bei uns, denn wir sehen jetzt verstärkt jüngere Patientinnen und Patienten, und auch Mutationen sind bei den Aufnahmen vertreten. Wir haben jetzt die jüngeren Menschen, die andere Krankheitsverläufe haben, und diese sind verändert: Die jungen Menschen haben tatsächlich längere Krankenhausaufenthalte, und der Verlauf ist weniger häufig letal, also tödlich, wie in der früheren Welle. Der beste Schutz vor Ansteckung sind und bleiben die Hygienemaßnahmen: Abstand, Händehygiene, Mund-Nasen-Bedeckung.

Was ist ausschlaggebend dafür, dass ein Patient von der Normalstation auf die Intensivstation (ITS) muss?

Sobald ein Patient oder eine Patientin eine intensivmedizinische Therapie benötigt, die einen hohen Aufwand an Technik und personeller Betreuung erforderlich macht, also zum Beispiel eine Einschränkung der Atemfunktion, eine massive Beeinträchtigung der Sauerstoffversorgung, der Ausfall lebenserhaltender Funktionen. Wenn also eine adäquate Versorgung bzw. Überwachung an anderer Stelle (häusliche Umgebung, Normalstation, Aufwachraum, Notaufnahme) aufgrund des klinischen Zustands nicht bzw. nicht mehr gewährleistet werden kann, muss ein Patient auf die ITS.

Wie sieht die Lage beim Personal aus? Ist genug Personal vorhanden? Und wie ist die Stimmung?

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind – trotz aller Selbstmotivation – nach all den Monaten an der Grenze des physisch und psychisch Leistbaren. Dennoch stehen sie für die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten weiterhin zur Verfügung und leisten tagtäglich Außergewöhnliches. Das ist nicht selbstverständlich, aber wir alle motivieren uns durch die Hoffnung auf ein Ende der Krise und ein normales Leben nach der Pandemie.

Was unsere Leute aber sehr belastet und auch demotiviert: Die scheinbar dümmlichen Fragen von Besuchern: „Müssen wir hier im Krankenhaus auch die Mund-Nase-Bedeckung tragen?“ oder: „Ich habe gelesen, dass bei Ihnen jetzt wieder Besucher zugelassen sind.“ Da wird an den Pforten diskutiert, das Personal zum Teil beschimpft und belästigt, gedrängt und genötigt – all das haben unsere großartigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht verdient. Natürlich stimmt es irgendwo lustig, wenn ein Besucher an die Pforte kommt und ganz ernsthaft fragt: „Mu’sch hir hinne oh änne Maske troagn?“ – aber das nehmen unsere Leute eben nicht mehr als Spaß, sondern fragen sich dann, wo die Aufmerksamkeit der Leute geblieben ist, denn Krankenhäuser sind besondere Orte, das können wir immer nur wieder betonen.

Das scheint leider nicht jedem klar zu sein. Vielleicht sollten Sie es nochmal erklären.

Die uns anvertrauten Erkrankten benötigen alle Kraft ihres Körpers, denn das ohnehin durch Erkrankung oder Verletzung geschwächte Immunsystem hat alle Hände voll zu tun, den Körper genesen zu lassen.  Da können nicht einfach Menschen kommen, mit ungewaschenen Händen, verschmutzter Kleidung und zerzausten Haaren Eintritt verlangen und sich gewaltsam Zutritt verschaffen wollen. Wir müssen ein Mindestmaß an Sterilität, Ordnung und Sicherheit für die uns Anvertrauten gewähren – das muss auch verständlich sein.

An der Aktion #allesdichtmachen, bei der sich über 50 Schauspieler über die Corona-Maßnahmen lustig machen, gab es viel Kritik. Haben Sie die Aktion mitbekommen und was würden Sie diesen Schauspielern entgegnen?

Ich ganz persönlich habe davon ebenfalls erfahren und habe zunächst – ganz persönlich – die Ironie nicht verstanden. Mit Sicherheit haben die Schauspieler über diese ihrem Unmut Ausdruck verleihen wollen, ohne sich der Provokation bewusst zu sein, aber wir im Krankenhaus können einer Ironie, die auf Kosten von Menschenleben geht, nichts Gutes abgewinnen. Kunst darf auch provozieren, Kunst muss nicht immer schön sein. Da aber, wo Krankheiten, seelisches und körperliches Leiden so nah an unser aller Lebenswirklichkeit liegen, hat Humor auf Kosten anderer nichts mehr zu suchen. Ich finde es wichtig, dass wir Künstler haben, die sich Gedanken machen. Die Gedanken sind frei.

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