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Zwischen Pferdebahn und »Bimmelguste«

Dahme-Spreewald. Fotograf, Buchautor und Journalist Peter Becker lebt seit 1981 im Spreewald. Der gelernte Eisenbahner und mittlerweile pensionierte Lehrer und Schulleiter veröffentlicht seit zehn Jahren Bücher über Bräuche und Traditionen seiner Heimat. Sein neuestes Werk »Spreewaldbahnen - Wie der Spreewald Anschluss an die Welt bekam« stellt der 73-Jährige erstmals am Samstag, 16. Oktober, 14 Uhr, im alten Straupitzer Bahnhof vor. WochenKurier sprach darüber mit Peter Becker.

Mit »Spreewaldbahnen« betrachten Sie einen Teil der Bahngeschichte des Spreewaldes. Sie schreiben über die Pferdebahn und über die dampfbetriebene »Bimmelguste«. Was hat Sie an den beiden Bahnen begeistert?

Eigentlich war es die »Impulsoria«. Die so genannte Pferdelok sollte einst die Pferdebahn zwischen Goyatz und Cottbus gezogen haben, wie auf Darstellungen im Goyatzer Raum heute noch zu sehen ist. Mich interessierte der technische Hintergrund, der mir mehr als fraglich vorkam. Zudem erfuhr ich bei den ersten Recherchen, dass diese Bahn genau vor 175 Jahren an den Start ging und somit das sich schnell entwickelnde Cottbus an die großen Handelswege anschloss. Es sollten nach der Stilllegung noch mal 20 Jahre vergehen, bis es wieder einen Bahnanschluss gab, diesmal dampfbetrieben und auf einer anderen Trasse.

Wie haben Sie sich diesem historischen Bahn-Thema genähert und welche Quellen konnten Sie nutzen?

Wie bei solchen Themen üblich, fragt man erst mal im Netz nach und findet dort erste Hinweise, denen ich nachgegangen bin. Es gibt sehr gute Literatur, etwa von Erich Preuß und Harald Großstück, die die technische Seite abbildet. Auch im »Stog«, dem Spreewaldkalender, finden sich zahlreiche Abhandlungen. Daher wollte ich das Projekt eine Zeit lang nicht weiterverfolgen, aber in Gesprächen mit älteren Spreewäldern merkte ich, dass deren Herz noch immer für die »Guste« schlug und sie viele Erlebnisse mit ihrer Bahn verbanden – das sollte dann doch aufgeschrieben werden, lautete meine neue Erkenntnis.

Hauptsächlich geht es in »Spreewaldbahnen« um Erlebnisse und Erinnerungen rund um die beiden Bahnen. Welche Geschichten verbinden die Spreewälder mit ihren Bahnen?

Eigentlich hat jeder Spreewälder in den 70 Betriebsjahren mit der Bahn Kontakt gehabt. Manche nutzten sie nur gelegentlich, andere täglich zur Fahrt in die Schule oder zur Arbeit. Sie war fast immer pünktlich, ihre Signalpfiffe strukturierten den Arbeitsalltag der Landbevölkerung, Kinder konnten daran erkennen, wie lange noch der Unterricht geht. Die ältesten Erlebnisse stammen aus der Pferdebahnzeit (von 1846 bis 1879), etwa »Wie der Bohnenkaffee in den Spreewald kam«.

Wie wichtig waren die beiden Bahnen für die Entwicklung des Spreewaldes und für die Spreewälder selbst?

Die Pferdebahn war eigentlich eine Güterbahn, eine Art Postkutsche auf Schienen. Sie verband die aufstrebende Industriestadt Cottbus über den Schwielochsee mit den Handelswegen in Richtung Berlin, Hamburg und Stettin. Die Kleinbahn verband zahlreiche Spreewaldorte zwischen Lübben, Goyatz und Lieberose über Straupitz und Burg mit Cottbus – als Personenbahn mit Güterabteilen. So gelangten die Spreewälder mit Gemüse und Kleintieren schnell auf die Märkte. Ab und zu wurden auch Zuchttiere zur »Hochzeit« in die Nachbarorte transportiert.

Welche Spuren haben die beiden Bahnen im Herzen der Spreewälder hinterlassen?

Die Spuren der Pferdebahn sind inzwischen fast erloschen, dennoch hat sie zur Entwicklung der Stadt Cottbus wesentlich beigetragen – nur ist das ein wenig aus dem Gedächtnis gerutscht. Die Erinnerungen an die »Bimmelguste«, die von 1898 bis 1970 durch den Spreewald dampfte, ist eher noch im Gedächtnis, zumindest der älteren Spreewälder, geblieben. Sichtbare Spuren gibt es ebenfalls noch, wie die ehemalige Pferdebahntrasse bei Byhlen oder der Einschnitt am Burger Schlossberg, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Und welche Spuren hat die Recherche zu »Spreewaldbahnen« bei Ihnen selbst hinterlassen?

Neben der technischen Leistung – beide Bahnen wurden nur in einem Jahr gebaut - sind es doch die zahlreichen menschlichen Zeugnisse, die sich bis heute erhalten haben. Ich finde es beeindruckend, wie Technik dazu beitragen konnte, den bis dahin abgeschiedenen Spreewald Weltanschluss zu verschaffen. Und wie Befürworter und Gegner der Bahn sich in den Haaren lagen, die Gegner aber mit den Jahren immer leiser wurden. Die Schädlichkeit der »hohen« Geschwindigkeit, zerschnittene Landschaften und die befürchtete Proletarisierung der Landbevölkerung blieben weitestgehend aus.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Buchvorstellung am 16. Oktober in Straupitz?

Ich bin der IG Spreewaldbahn e.V. sehr zum Dank verpflichtet, dass sie mir ihre Räumlichkeiten zu Verfügung stellen. Diese Eisenbahnfreunde sind Enthusiasten, viele haben die Bahn noch nicht einmal selbst erlebt, aber sie sorgen durch ihre Arbeit dafür, dass nicht nur Erinnerungen in den Herzen und Köpfen bleiben. Sie pflegen Gleisanlagen und Wagentechnik und unterhalten ein kleines Museum. Ich kann mir keinen geeigneteren Ort für die Buchpräsentation vorstellen.

Der Ort der Präsentation ist mit dem alten Bahnhof Straupitz, dem heutigen Sitz der Interessengemeinschaft Spreewaldbahn e.V., also nicht zufällig gewählt. Wie stark ist dort heute noch der Geist der Spreewaldbahn spürbar?

Der Straupitzer Bahnhof hätte damals eigentlich Hauptbahnhof heißen müssen, denn hier war der Knotenpunkt der Spreewaldbahn. In Straupitz waren das Bahnbetriebswerk mit den bis zu sieben Dampfloks angesiedelt und hier fanden zahlreiche Straupitzer Lohn und Brot bei der Eisenbahn. In Straupitz wurde 1897 mit dem Grundstein für das Bahnhofsgebäude der Baubeginn der Spreewaldbahn vollzogen – und hier erkaltete um Mitternacht des 3. Januar 1970 die Lok 99 5703 - die heutige Museumslok in Lübbenau - für immer.

• Peter Becker und WochenKurier verschenken »HIER« drei Bücher »Spreewaldbahnen - Wie der Spreewald Anschluss an die Welt bekam«.

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