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»Inflation ist immer ein Enteignungsprozess«

Oberspreewald-Lausitz. Zum Weltspartag - in diesem Jahr am 29. Oktober - sprach WochenKurier mit dem Finanzexperten Ronny Wagner, Geschäftsführer der Noble Metal Factory Schwarzheide und Gründer des Schule des Geldes e.V..

Deutsche sparen gern. Das zeigen Berechnungen von ING Deutschland und Barkow Consulting. Demnach legten deutsche Privathaushalte im vergangenen Jahr 388,5 Milliarden Euro zurück - 45 Prozent mehr als 2019. Liegt uns Deutschen sparen im Blut?

Das  Marktforschungsagentur Forsa hat eine Umfrage zu den wichtigsten Sparmotiven der Deutschen durchgeführt. Fast 85 Prozent der Befragten gaben als Motiv an, sich für unvorhergesehen Ausgaben Geld beiseite zu legen. Wenn wir wüssten, was die Zukunft bringt, würden wir anders mit Geld umgehen. Die Corona-Krise hat sicherlich dazu beigetragen, dass Menschen sich mehr um ihre persönliche Zukunft sorgen. Und durch die Lockdowns war Geldausgeben nur eingeschränkt möglich.

Sicherlich hat die Corona-Pandemie ihrerseits dazu beigetragen, dass wir unser Geld nicht so ausgeben konnten, wie in der Vergangenheit. Stichwort Lockdown. Inwieweit ist sparen in Krisenzeiten ein typischer Reflex?

Der berühmte römische Philosophen Cicero war der Überzeugung das Sparen eine gute Einnahme ist. Sparen ist sehr sinnvoll. Wüssten die Menschen exakt für jeden zukünftigen Zeitpunkt wieviel sie einnehmen und ausgeben werden, bräuchten sie nicht zu sparen. Wir leben jedoch immer mit Unsicherheit. Der Staat versucht hier Abhilfe zu schaffen und den Menschen ein vermeintliches Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Ihm wird mittlerweile nahezu alles anvertraut - Bildung, Gesundheit, Rente, Arbeitsplatzsicherheit. Die Corona-Krise hat bei den Menschen vermutlich dazu geführt, die Illusion vom Vollkasko-Staat zu zerstören. Die gestiegene Sparbereitschaft könnte dafür ein Indiz sein.

Bisher galt das Sparbuch als klassische Sparvariante. Eine hohe Inflation und niedrige Zinsen drücken heute jedoch die Erträge gewaltig. Zu welchen Alternativen würden Sie raten?

Ein wichtiger Zusammenhang für jeden Sparer ist folgender: inflationsfreundlich  = eigentumsfeindlich. Inflation ist immer ein Enteignungsprozess. Meist schleichend und daher von vielen Anlegern unbemerkt. Sie entsteht durch eine Währungsordnung, die im wesentlichen auf der Geldschöpfung durch Kredit beruht. Sämtliche Geldsysteme die so aufgebaut waren, haben sich selbst zerstört. Ich kann auch nicht in die Zukunft schauen. Wenn man das akzeptiert, kann die Strategie nur lauten: Machen Sie keine unnötigen Schulden und setzen Sie auf das Altbewährte. Jene Anlageformen, die schon seit Jahrtausenden erfolgversprechend sind: Grund und Boden, Gold und Silber, Unternehmensbeteiligungen etc..

Edelmetalle wie Gold und Silber waren bisher altbewährte Anlagevarianten. Inwieweit sind sie das auch heute noch und welche Vorteile bieten sie gegenüber anderen Anlageformen?

Gold- und Silberinvestoren sind risikoaverse Menschen und auf Vermögenssicherung bedacht. Diese Menschen kaufen Gold und Silber, weil sie sich Sorgen über die Zukunft machen. Sie möchten ihr Vermögen gegen Finanz- und Wirtschaftskrisen absichern. Gold und Silber sind die ultimative Versicherung gegen diese Ereignisse. Gold hat kein Emittentenrisiko, weil es von niemandem emittiert wird. Es ist keine Verbindlichkeit eines Dritten wie zum Beispiel Zertifikate, Versicherungen, Sparanlagen oder Fonds. Gold kann seine Stabilität und Herkunft auf ein Periodensystem der Elemente zurückführen.

Wie sollte man als Neueinsteiger beim Kauf von Gold und Silber vorgehen? Was gilt es zu beachten?

Wahrscheinlich denken die meisten Menschen, dass Gold und Silber nur etwas für Reiche ist und sie es sich nicht leisten können. Das ist ein Trugschluss. Gold kann man bereits ab 1 Grammbarren für aktuell zirka 58 Euro erwerben. Weitere Stückelungen sind 2, 5, 10, 20, 31.1, 50, 100, 250, 500 und 1.000 Grammbarren. Münzen sind ebenfalls in verschiedenen Stückelungen erwerbbar. Je größer die Stückelung, um so günstiger der Preis. Ein Kilobarren Gold kostet aktuell zirka 50.000 Euro. Auf den Grammpreis bezogen zahlt man hier lediglich 50 Euro für das Gramm. Leider kann man für 50 Euro keinen ganzen Kilobarren kaufen. Ich bin ein Verfechter des monatlichen Gold- und Silbererwerbs. Es gibt eine Menge an verschiedenen Sparprogrammen, mit denen man regelmäßig Gold und Silber kaufen kann. Eine Mischung aus verschiedenen Stückelungsgrößen in Gold und Silber in Form von Barren und Münzen ist sicherlich eine goldige Entscheidung.

Wie sinnvoll ist es, vielleicht auch in Kryptowährung zu investieren? Der Bitcoin-Kurs etwa setzt aktuell auch im Oktober seinen Aufwärtstrend fort.

Wie bereits gesagt: Ich kann nicht in die Zukunft blicken. Ob dieses Investment aufgeht, wird sich zeigen. Der Bitcoin ist als Spekulationsinstrument sicher das absolute Traumasset. Es ist ein Zeichen der enormen Manie, die viele Investoren auf dem Papier reich machen wird. Es ist eine Frage der Zeit, bis die Kryptowährungen eine Todesspirale auf ihren inneren Wert erleben werden. Wie auch beim Papiergeld. Denn bei beiden Anlageformen ist der fundamentale Wert Null. Das heißt aber nicht, dass man bei dem Spiel nicht mitspielen sollte. Hier muss man nur mit der richtigen Einstellung und einer Ausstiegsstrategie mitspielen. Denn es kann eben auch richtig daneben gehen.

Menschen die sparen und ihr Geld gewinnbringend investieren wollen sich damit für Krisenzeiten rüsten. Wie würden Sie die aktuelle Situation beschreiben? Drohen neue Krisenherde auf dem Finanzmarkt?

Der weltweite Schuldenstand bewegt sich in Richtung 350 Billionen USD. Das Welt-Bruttoinlandsprodukt - der Wert der gesamten Weltproduktion - liegt aktuell bei zirka 113 Billionen USD. Um diese Schulden bezahlen zu können, haben die Zentralbanken die Renditen am Staatsanleihenmarkt so zusammengestaucht, dass das reale Zinsniveau negativ geworden ist. Inzwischen haben wir so viele Schulden auf dem Buckel, dass sie nur noch mit neu geschaffenem Papiergeld bezahlt werden können. Noch nie in der Geschichte haben wir solche Zentralbank-Bilanzsummen gesehen. Die Menge des zunehmend wertlosen, exponentiell wachsenden Papiergeldes ist noch nie so grotesk aufgebläht gewesen und die dahinterstehende Kaufkraft noch nie so weitreichend entwertet worden. Exponentielles Wachstum führt zu Finalität. Jedes System mit diesen Eigenschaften zerstört sich selbst. Ich unterliege nicht der Illusion, dass in unserem bestehenden System noch irgendetwas zu retten ist.

Die Herausforderung der Finanzwelt ist, sie zu verstehen, um in ihr erfolgreich aktiv zu sein. Sie haben 2008 die Schule des Geldes e.V. gegründet, um Schülern grundlegendes Wissen über den Finanzmarkt und seinen Teilmärkten zu vermitteln. Wie interessiert sind Heranwachsende an diesem komplexen Thema?

Das Interesse ist groß. Seitens der Jugendlichen aber auch vermehrt von Bildungseinrichtungen nehmen die Anfragen enorm zu. Daher haben wir unser Angebot auch ausgebaut. Neben den klassischen Seminaren bieten wir Webinare zu diversen finanziellen Fragestellungen an. Außerdem haben wir vor einigen Wochen unseren eigenen Podcast ›Das 1x1 der Finanzen‹ gestartet. Weitere Projekte sind geplant.

Die junge Generation muss nicht nur wissen, wie die Märkte funktionieren, sondern auch lernen, mit Geld umzugehen. Inwieweit befassen sich Jugendliche mit dem Thema Geld sparen beziehungsweise Geld erfolgreich zu investieren?

Die Medien sind natürlich auch voll mit Informationen rund um das Thema ›Geld und Finanzen‹. Es gibt eine nicht unerhebliche Anzahl an Jugendlichen, die sich intensiv mit möglichen Anlagestrategien auseinandersetzen. Das Wissen ist auf der Produktebene teilweise schon sehr gut. Was mir aber bei den meisten Jugendlichen fehlt, ist ein grundlegendes Verständnis unseres heutigen Geld- und Wirtschaftssystem. Ich nenne es das 1x1 der Finanzen: Was ist der Vermögenszyklus? Welche finanziellen Spielregeln gelten? Was ist der richtige Fokus bei der Geldanlage? Wie schätze ich das Risiko des Finanzmarktes richtig ein? Wie sieht mein Schlachtplan aus?

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