Renate Kulick-Aldag

Pfarrer Michael Domke geht in den Ruhestand

Guben. Pfarrer Michael Domke geht in den Ruhestand "Den Glauben praktisch leben" - eine gelungene Aufgabe. 1974 kam der junge Pfarrer Michael Domke nach Guben und hat die Stadt zumindest beruflich nicht mehr verlassen. Am 4. November wird er mit einem festlichen Gottesdienst um 10.30 Uhr in der Klosterkirche verabschiedet.

Guben.  Warum bleibt man so lange in Guben? "Weil es gut war." Pfarrer Domke lächelt sein feines Lächeln. "Das spricht doch für die Harmonie, die hier bestand. Es gab bei uns keine Kriege, wie in manch anderer Pfarrgemeinde. Wir haben uns hier immer wohl gefühlt." Wir, das sind seine Frau, eine nun schon pensionierte Lehrerin, und die beiden Töchter, die in Guben aufwuchsen und jetzt  mit ihren Familien in Berlin leben. Die Pfarrersfamilie wohnte seit Anbeginn an einem ungewöhnlichen Ort, nämlich direkt auf dem jüdischen Friedhof. Die Gärtnerwohnung an der  jüdischen Trauerhalle, jetzt Bergkapelle genannt, wurde ihr Heim und Michael Domke der Hüter des  Ortes auf dem Reichenbacher Berg. Die christliche Gemeinde hatte den Auftrag bekommen, das jüdische Erbe zu bewahren, bis die Juden selbst wieder eine Gemeinde in Guben gründen würden. Dies ist bie heute  noch nicht geschehen, doch Michael Domke befasste sich mehr mit dem Judentum als andere Pfarrer. Er beherrscht die Hebräische Sprache und übersetzte zu seinem eigenen Vergnügen das Alte Testament, möchte nun im Ruhestand auch noch die ganz alten aramäischen Texte übersetzen. Nach der politischen Wende begann er das neue Hebräisch aktiv zu sprechen, doch eine Reise nach Israel hat er noch nicht unternommen. "Vielleicht, vielleicht auch nicht", er wiegt den Kopf. Realität und Wunschvorstellung könnten zu weit auseinander gehen.  Allerdings knüpfte er Kontakte zu jüdischen Bürgern und so ist es nur folgerichtig, dass er gemeinsam mit Dr. Aaron Voss am 9. November um 19.30 Uhr zu der Grüdung einer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeitin die Bergkapelle einlädt. Wenn Pfarrer Domke zurück blickt, dann scheint er überaus zufrieden mit seinem Berufsleben zu sein. "Den Glauben praktisch leben", könnte als Überschrift daüber stehen.  Das Schönste waren für ihn die Rüsten mit den Familien der christlichen Gemeinde. Spiele aller Art, am Lagerfeuer sitzen und selbst erdachte Lieder singen, "das ist meine Welt". Unzähligen Gubenern hat er das Gitarrespielen beigebracht. Musik ist ein ganz wichtiger Bestandteil seines Lebens.Gab es denn nicht auch schwierige Zeiten?"Als Pfarrer ist man ein wenig dem System entnommen", drückt er seine Stellung in der Gesellschaft aus. "Natürlich waren wir von der Stasi überwacht, aber mein Ziel war es immer Brücken zu bauen. Ich habe mich deshalb auch immer eingebracht, z.B. im Elternaktiv oder bei den Klassenfahrten. Ich bin mit meinen Töchtern zur Wahl gegangen und habe zu ihnen gesagt: Seht her, so geht Demokratie." Er begleitete engagiert die politisch aufregende Zeit in Guben und  bemühte sich dabei stets um Mäßigung. Frieden halten! Das gelang. Nach der poltischen Wende beteiligte er sich als Stadtverordneter vier Jahre lang aktiv an der Politik, blieb danach bis Oktober 2012 im Bürgerkommitee Reichenbach. Nun will er sich für ein Jahr komplett zurückziehen. Sein Nachfolger, noch gibt es keinen, soll freie Hand haben. Wie er die Zeit nach dem aktiven Dienst gestalten will, lässt Michael Domke gelassen auf sich zukommen. Wegziehen möchte er jedenfalls nicht, sondern noch lange mit seiner Frau auf dem jüdischen Friedhof - oben auf dem Berg - wohnen.                        rka

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